Dipa Ma

Dipa Ma war eine außergewöhnliche Lehrerin, die jeden mit ihrer Stille, die von Liebe durchdrungen war, unmittelbar berührte. Joseph Goldstein, ein bekannter Vipassana- Lehrer in den USA, der lange ihr Schüler war, beschreibt dies im Vorwort von Amy Schmidts Buch und fügt hinzu:

 

„Dipa Ma konnte die besten Bestrebungen aus uns herausholen, nicht durch Vorschriften, sondern durch Inspiration. Sie zeigte, was möglich war, indem sie selbst lebte, was möglich war und das hob die Messlatte unserer Bestrebungen an. Sie besaß unerschütterliches Vertrauen in die Möglichkeiten von jedem von uns, den Pfad des Dharma zu beschreiten. Dieses Vertrauen drückte sich aus in totaler Annahme unserer Ausgangslage und war gleichzeitig mit unnachsichtiger Ermutigung und Förderung gekoppelt, unsere Einsicht durch fortwährende Übung zu vertiefen.“

 

Dipa Ma wurde 1911 als Nani Bala Barua in eine der wenigen buddhistischen Gesellschaften, die es in Nordindien noch gibt, geboren. Traditionsgemäß wurde sie mit zwölf verheiratet und musste nicht nur ihr gewohntes Elternhaus, sondern schließlich auch ihre bengalische Heimat aufgeben, um ihrem Mann nach Burma zu folgen, wo dieser als Ingenieur arbeitete.

Nani hatte einen ungewöhnlichen Drang, buddhistische Meditation zu praktizieren, was ihr Mann aber nicht erlaubte; dies war damals für Frauen unüblich.

Erst nach vierundzwanzig Jahren Ehe und einer Fehlgeburt brachte Nani eine Tochter zur Welt, Dipa und bekam so den Rufnamen Dipa Ma, was Mutter Dipas und auch Mutter des Lichts bedeutet. Nach einer weiteren Enttäuschung über eine zweite Fehlgeburt verlangte Dipa Ma wieder nachdrücklich nach Meditation und drohte sogar, davon zu laufen. Nur ihr krankhaft erhöhter Blutdruck konnte sie davon abhalten.

Da starb ihr Mann 1957 innerhalb von Stunden an plötzlichem Herzversagen. Damit war für Dipa Ma alle Farbe aus ihrem Leben gewichen und sie wurde sterbenselend. Monatelang klammerte sie sich an ein Foto ihres Mannes, und ihre Gesundheit nahm rapide ab. Als sie jung und gesund war, hatte sie sehnsüchtig nach dem Weg der Befreiung durch Meditation verlangt – jetzt war sie in fremder Gesellschaft mutterseelenallein mit einer kleinen Tochter und würde sicher an gebrochenem Herzen sterben, wenn sie nicht etwas für ihre Verfassung tun könnte. Schweren Herzens gab sie ihre Tochter Nachbarn zur Pflege und vergütete sie reichlich aus ihrem bescheidenen Wohlstand und machte sich auf, um in einem nahegelegenen Zentrum Vipassana zu erlernen.

 

Bei diesem Besuch zeigte sich zum ersten mal ihre außergewöhnliche Kraft der Sammlung: während einer Gehmeditation wurde sie von einem Hund gebissen, was sie aber zuerst gar nicht merkte, da ihre Versenkung so tief war.

Später hörte sie von ihrem zukünftigen Lehrer Anagarika Munindra, auch Bengale und begann die nächste intensive Übungsphase mit ihm. Innerhalb weniger Tage erreichte sie wieder tiefste Konzentration und schließlich das ‚Eintreten in den Strom’, wie die erste Erleuchtungserfahrung in der Theravada- Tradition genannt wird. Sofort normalisierte sich ihr Blutdruck und die Herzsymptome. Aller Kummer, ihre Furchtsamkeit machten einem unerschütterlichen Gleichmut Platz. Bei späteren Übungsphasen vertiefte sich ihr Bewusstseinszustand, stabilisierte sich und reifte aus.

 

Jeder, der Dipa Ma gekannt hatte, war erstaunt über diese tiefgreifende Veränderung in kürzester Zeit. In ihrem neuen, ruhigen Selbstbewusstsein sagte sie: „Ihr habt mich ja vorher erlebt. Durch den Verlust meines Mannes und der Kinder war ich völlig am Boden, entmutigt und krank. Ich habe so gelitten! Ich konnte nicht einmal mehr richtig gehen. Und wie erlebt ihr mich jetzt? Jede Krankheit ist verschwunden. Ich bin erfrischt und in meinem Geist ist weder Sorge noch Kummer. Ich bin ganz froh. Wenn ihr zum Meditieren kommt, werdet ihr auch glücklich. Das ist keine Zauberei. Man muss nur den Anweisungen folgen.“

Freunde und Verwandte folgten ihr auf diesem Pfad und ihre Schwester Hema war ähnlich begabt, wie Dipa.

Eine der ersten Schülerinnen Dipa Mas war eine Witwe namens Malati, Mutter von sechs Kindern, die ihr Haus nicht verlassen konnte. Hier zeigte sich Dipa Mas großes Geschick, Alltagssituationen als Übungsrahmen zu nutzen: Malati wurde angewiesen, das Saugen ihres Säuglings an ihrer Brust mit Achtsamkeit zu durchdringen. Da das täglich Stunden waren, erlangte Malati tatsächlich bald die erste Stufe der Erleuchtung.


1967 zog Dipa Ma mit ihrer Tochter in ein winziges Appartement in Kolkata (Kalkutta). Rasch verbreitete sich ihr Ruf als erstklassige Lehrerin in der bengalischen Gemeinde. „Der ganze Pfad der Achtsamkeit besteht darin, die volle Aufmerksamkeit darauf zu richten, was gerade getan wird.“ Sei es Sprechen, Bügeln, Kochen, Einkaufen oder die Kinder zu versorgen, alles war möglich, als Übungsrahmen genutzt zu werden. Dipa Ma weckte solch einen Enthusiasmus in die Kraft der Alltagsübung, dass einer ihrer Bewunderer sie ‚Patron der Haushälter’ nannte. Alle Anforderungen, die sie an ihre Schüler stellte, lebte sie selbst vor:

die Beachtung der fünf buddhistischen Gebote, (nicht Töten und Gewaltlosigkeit, nichts zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben wurde, kein sexuelles Fehlverhalten, keine üble Rede, keine berauschenden Getränke oder Substanzen zu nehmen), nur vier Stunden zu schlafen und täglich mehrere Stunden Meditation. Sie erwartete zweimal wöchentlich Bericht von ihren Schülern und jährliche Einkehrzeiten zur Intensivierung der Praxis. Das Einzimmer-Appartement quoll bald von Teilnehmern über, da auch die westlichen Besucher auftauchten.

Sogar ordinierte Mönche suchten Führung. Wenn man die Frauenfeindlichkeit kennt, die heute noch gelegentlich in dieser Tradition herrscht, ist das um so aussagekräftiger. Der verehrungswürdige Rastrapala Mahathera, der einen Doktortitel besaß, sagte dazu: „Ich habe den Weg noch nicht verwirklicht, aber sie hat es getan, also werde ich Hilfe von ihr annehmen. Ich sehe sie nicht als Frau an, sondern sehe in ihr nur meinen Lehrer." Unter ihrer Anleitung erfuhr er, was sich ihm in achtzehn Jahren als Mönch nicht erschlossen hatte. Später gründete er mit Dipa Mas Segen das erste Vipassana Zentrum in Bodh Gaya.


Jack Engler, heute ein bekannter Professor in USA schrieb über den Einfluss, den Dipa Ma auf das Appartement-Haus hatte:

„Als sie in ihr Appartement zog, war das ganze Anwesen sehr laut und die Menschen streitsüchtig und zänkisch und der Lärm wurde durch den offenen Hof verstärkt. Jeder wusste alles über jeden, weil es ständig hin- und her geschrien wurde. Innerhalb von sechs Monaten nach ihren Einzug war das ganze Haus deutlich ruhiger geworden und die Menschen kamen zum ersten Mal miteinander aus. Es war ihre Gegenwart und die Art und Weise, wie sie mit allen umging, ruhig, still und sanft, sie mit Freundlichkeit und Respekt behandelte. Sie setzte zwar Grenzen und kritisierte Verhalten, wenn es erforderlich war, aber dies geschah stets aus dem Wunsch nach jedermanns Wohlergehen, statt aus Ärger oder dem bloßen Verlangen nach ihrer eigenen Bequemlichkeit. Das setzte ein deutliches Zeichen und machte es den Mitbewohnern unmöglich, die alte Streitsucht weiter zu leben. Es war die Macht ihrer Präsenz: in ihrem Beisein konnte man sich einfach nicht so verhalten. ...“

 

1980 und ’84 wurde Dipa Ma von ihren amerikanischen Schülern nach Amerika eingeladen, um während des dreimonatigen Einkehrkurses in der Insight Meditation Society zu lehren.

„Ihr seid alle meine Dharma-Kinder; ich konnte eure Bitte herzukommen nicht abschlagen,“ sagte sie zur Einführung.

Es war ihr nicht leicht gefallen, allein schon aus gesundheitlichen Gründen, diese Reise anzutreten, aber in Begleitung von Tochter Dipa mit deren kleinem Sohn war sie gekommen und sollte einen tiefen Eindruck in der amerikanischen buddhistischen Welt hinterlassen. Was sie von den meisten Lehrern unterschied, was sie heraushob, war die Kraft ihres erleuchteten Bewusstseins und ihre Überzeugungskraft, diese Tiefenerfahrungen in ihren Schülern hervorzubringen. Am 1. September 1989 starb sie friedvoll in ihrer Wohnung in Kolgata während einer Verbeugung vor Buddha.                                                                   (siehe Buchtipps)