Bassui Tokusho

 

 

 

„In einem Augenblick vollkommener innerer Sammlung,

des Einen Geistes gewahr zu werden ist ein unendlich viel besseres Werk, als tausend, zehntausend Tage lang Sutras zu rezitieren,

wie es auch unvergleichlich grösser ist,

gesammelten Willens des Eigenen Geistet innezuwerden,

als tausend, zehntausend Jahre lang zu hören warum es so ist."

 

Der große Zenmeister Bassui (1327-1387) hat mich deshalb immer besonders angesprochen, weil seine Übungsweise und später daraus folgend die Art seiner Unterweisung sehr ähnlich der Lehrweise Sri Ramana Maharshis war. Die direkte Frage nach dem wahrnehmenden Subjekt ist die unmittelbarste Frage, die es überhaupt gibt. Diese Fragestellung war Bassui 'in die Wiege gelegt': schon als Kind fragte er einen Priester bei der Totenfeier seines Vaters:

„Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, dann muss ich auch eine in meinem Körper haben. Wie sieht sie aus?"

Dies war nicht nur eine vorübergehende Neugier eines Kindes, sondern die Knospe seiner Lebensfrage, die ihn nicht losließ, bis seine Erleuchtung nach Jahrzehnten vollkommen ausgereift war. Die Gründlichkeit und Originalität seiner inneren Suche war kennzeichnend. Mit zehn Jahren erwachte er nachts öfter durch ein strahlendes Licht, das sich in pechschwarze Dunkelheit verwandelte; niemand konnte ihm seine ängstlichen Fragen dazu beantworten.

 

„Wenn die Seele nach dem Tode die Qualen der Hölle erleidet oder himmlische Freuden erfährt, was ist dann das Wesen dieser Seele? Gibt es keine Seele, was hört und sieht dann in diesem Augenblick?"

 

Irgendwann erkannte Bassui nach stundenlangem Brüten über diese grundlegende, quälende Frage, bei dem er völlig versunken war, dass die Essenz aller Dinge eine fruchtbare, schöpferische Leere ist und Seele, Körper und Geist darin keine echte Bedeutung haben. Sein Schüler Myodo, der seine Biographie veröffentlichte, berichtet, dass Bassui in tiefes, befreites Lachen ausbrach.

Dennoch war diese Erfahrung noch flüchtig und spornte Bassui weiter an:

„Ich habe gesehen, dass die Grundlage des Weltalls diese Leere ist; aber was ist es in mir, das gerade jetzt sehen und hören kann?"

Immer tiefer verschmolz Bassui mit dieser Frage. Sein ganzes Leben war davon geprägt, so dass er auf seinen Pilgerwanderungen nicht einmal über Nacht in einem Tempel blieb, sondern gesammelt in einer Hütte oder sogar in den Zweigen eines Baumes übernachtete, um nicht einzuschlafen.

Es war der große Zenmeister Koho, der zum Geburtshelfer eines tiefen Erwachens bei Bassui wurde. Nach monatelangem Ringen kam Bassui zu einem entscheidenden Reifepunkt, an dem sich Kohos Meisterlichkeit zeigen konnte. Myodo schreibt dazu:

Bassui hatte urplötzlich das Gefühl, als hätte er ..."seines Lebens Wurzel verloren, einem Fass gleich, dem der Boden ausgeschlagen war."

Dieser 'Egotod' war viel tiefer, als alle bisherigen Erlebnisse und es war Koho, der dem jungen Mönch am nächsten Tag den Namen 'Bassui' verlieh, was etwa: 'Weit über dem Durchschnitt' bedeutet.

Doch auch jetzt zog es Bassui in die Einsamkeit oder zu anderen Meistern, um diese tiefe Erfahrung ganz ausreifen zu lassen. Erst mit fünfzig Jahren war er bereit, länger an einem Ort zu bleiben und Schüler anzunehmen, etwas, was er bis dahin abgelehnt hatte. Der Governeur der Provinz stiftete Grund und ein Kloster, das Kogaku-ji, entstand. In seiner Blütezeit lebten dort über tausend Mönche und Laien unter Bassuis strenger Führung. Mit sechzig Jahren setzte sich Bassui aufrecht hin und sagte zu seinen Schülern:

 

„Lasst euch nicht irreführen! Schaut genau her! Was ist Das?"

 

Er wiederholte das laut und starb ruhig.

 

Aus den 'Dharmaworten':

 

„Wollt ihr dem Leid der Vergänglichkeit entkommen, müsst ihr den unmittelbaren Weg, ein Buddha zu werden, erlernen. Diesen Weg müsst ihr im eigenen Geist durch Satori (Erleuchtung) verwirklichen.

Was ist dieser eigene Geist?

Schon vor der Geburt eurer Eltern, also auch der eigenen, bestand dieser Geist zeitlos und unwandelbar als das Ursprüngliche Wesen aller Geschöpfe. Dieser Geist ist von Anbeginn von lauterster Reinheit. Er entsteht nicht mit dem Körper und geht auch nicht mit ihm zugrunde. Eigenschaftslos, weder männlich noch weiblich, nicht gut oder böse, kann er durch kein Gleichnis erreicht werden. dennoch entstehen zehntausende von Gedanken aus diesem Selbstwesen, wie Wogen im großen Meer oder Bilder in einem Spiegel.

Wollt ihr zur Erleuchtung gelangen, müsst ihr vor allem in den Urquell blicken, aus dem die Gedanken entspringen.. Beim Schlafen und Wachen und allen Verrichtungen, im Stehen, Gehen und Sitzen, fragt euch einzig zutiefst: 'Was ist mein eigener Geist?' voller Verlangen, das zu begreifen. ....

Was für ein Meister (Kraft) ist es, die jetzt gerade mit den Augen Farben sieht, mit den Ohren Laute hört, die Hände und Füße bewegt? Jeder weiß, dass dies der eigene Geist bewirkt, aber nicht genau, durch welche Intelligenz es zustande kommt. Man könnte behaupten, dass es keinen Geist hinter den Tätigkeiten gibt, doch werden sie ja in freier Absicht getan. Schreibt man die Handlungen doch dem Geist zu, lässt er sich dennoch nicht direkt wahrnehmen.

(Erforscht man dies gründlich genug), kommt schließlich alles Erforschen in eine Sackgasse und man weiß überhaupt nicht mehr, was tun. In dieser für das Forschen günstigen Lage vertieft immer mehr den Willen und die Sehnsucht, ohne Überdruss, bis zum Äußersten. Wenn das tiefschürfende Fragen bis zum tiefsten Grund dringt und dieser Grund ausgeschlagen wird, dann bleibt auch nicht der kleinste Zweifel übrig, dass der eigene Geist Buddha, die höchste Wahrheit selbst ist. das Fragen verstummt. es gibt keine Besorgnis mehr über Leben und Tod und keine Wahrheit mehr, nach der man suchen müsste, nur Leere Weite von Himmel und Welt und das ist einzig der eigene Geist."

(wird fortgesetzt)