Spirituelle Psychotherapie

 

Die Eutonie-Übung und die Übung mit dem inneren Kind

 

Um von alltäglichen menschlichen Gefühlen und belastenden, einengenden Schwierigkeiten aus einen Weg zu tiefer Heilung und Integration zu finden, der sich nicht allein auf äußere psychologische Therapien beschränkt, sind in meiner praktischen Arbeit mit Menschen und ihren Anliegen bestimmte Charakteristika deutlich geworden.

 

Das Wichtigste ist mir dabei die immer neu bestätigte Erkenntnis, dass für eine umfassende Lösung die bewusste Öffnung in unser wahres Wesen ganz entscheidend und wegweisend ist.

Nur durch das lebendige Interesse an unserem zeitlosen Sein wird ein menschliches Thema in einem natürlichen, gesunden Rahmen erlebt. Oft liegt schon allein darin die Lösung und Befreiung.

 

Jede Schwierigkeit im emotionalen Bereich ist eine Fixierung. Dabei wird

oft gar nicht klar wahrgenommen, welche Komponenten an diesem Festhalten und der daraus folgenden Verkrampfung beteiligt sind. Gerade bei starken Gefühlen klammert sich der Verstand an Projektionen und Argumentationen, die direkt gar nicht die Spannung ausmachen, sondern eher eine intellektuelle, willentliche Abwehrreaktion darauf sind.

Dadurch wird das eigentliche schmerzhafte Gefühl gar nicht mehr klar erlebt, sondern auf die auslösenden Menschen und Situationen abgeschoben, eine sinnlose, vergebliche Rationalisierung, um dem eigentlichen Schmerz in sich selbst auszuweichen.

 

Daraus ergibt sich folgerichtig ein therapeutischer Weg, der sich von Mensch zu Mensch jeweils ganz spontan und individuell entwickelt. Hier kann ich dies deshalb nur prinzipiell darstellen und mit Fallbeispielen erläutern.

 

Die Eutonie Übung


Wenn die Einsicht zugänglich ist, dass die ganze Verteidigungsstrategie vergeblich ist und die Beschuldigungen aufhören können, ist es oft sehr praktisch, das Spannungsfeld im Körperempfinden zu suchen. Wenn der

oder die Betreffende fähig ist, die Verkrampfung dort sanft und ohne Abwehr zu spüren, ist das in mehrfacher Hinsicht sehr hilfreich.

Zum einen wird ihm noch deutlicher bewusst, dass der eigentliche Brandherd nicht in der bisherigen Rationalisierung liegt und deshalb nicht auf die jeweiligen Inhalte beschränkt ist. Meist wird ein alt bekanntes und lang entwickeltes Reaktionsmuster erlebt, das hier aber immer weniger inhaltlich und dafür zunehmend energetisch erfahren wird. Eine Spannung, zum Beispiel im Bauch, ist ein energetischer Stau. Die Energie selbst ist neutral, nur ihr Gestautsein macht sie zu einer negativen, schmerzhaften Erfahrung. Der Stau setzt sich meist wiederum aus Schichten von Widerstand gegen den Kern zusammen.

 

Wenn in dem Versuch, dieses gestaute Energiefeld im Körper direkt zu spüren deutlich wird, dass dieser Zugang zu direkt ist, der Betreffende zum Beispiel unruhig wird und nicht in der Verbindung zu der Spannung bleiben kann, wird er aufgefordert, erst den ganzen Körper schrittweise zu durchdringen, also die Eutonie-Übung zu entwickeln.

Dabei werden verschiedene Wertigkeiten bewusst. Anfänger sind oft sehr überrascht, ganz ‚eutone’ Bereiche zu entdecken, die sie durch ihre bisherige Fixierung und Einengung auf mentale Etikette vorher gar nicht wahrgenommen hatten. Allgemein ausgedrückt gibt es immer eine Abstufung von feinen, harmonischen Bereichen über neutrale Zonen bis hin zu angespannten Empfindungen.

Diese Ganzkörperwahrnehmung ist aus mehreren Gründen äußerst wertvoll. Zum einen sind, wie gesagt, für viele Menschen die entspannten, harmonischen Körperemfindungen eine große Erweiterung in ihrer Selbstwahrnehmung, vor allem, wenn sie gewöhnlich in depressiven Zuständen leben. Ich habe es wiederholt erlebt, dass dann Tränen der Dankbarkeit flossen.

Zum anderen wird in dem ‚Körperspiegel’ der ganze Mensch vereinfacht abgebildet und dieses Bild ist viel umfassender, als die oft schmalspurigen

meist negativen Selbstbilder. Jetzt wird es möglich, die Fixierung auf die Negativität zu relativieren. Im geschickten Wechsel zwischen den harmonischen, eutonen Bereichen, den neutralen und den Spannungsfeldern erfolgt ganz von allein ein Ausgleich der verschiedenen Energiemuster, wobei die harmonischen, eutonen Kräfte dabei ihre Heilkraft zeigen.

Wir könnten sagen, dass dies auf der Ebene des Energiekörpers die Ganzheit unseres wahren, zeitlosen Wesens widerspiegelt und dadurch

zumindest in diesem ‚Stockwerk’ Heilung geschehen kann. Dies ist viel tiefer und umfassender, als ‚darüber’ zu reden, also vorwiegend mit dem Intellekt und den üblichen Begrenzungen, die sich daraus ergeben, eine Lösung zu suchen. Das Wort ‚Heilung’ hängt mit ‚heil’, also ganz werden,

zusammen. Die Integration auf der energetischen Körperebene ist viel ganzheitlicher, als Einsichten durch den Verstand, der nur von außen erleben kann.

 

Wenn der Betreffende dafür offen ist, kann von hier aus schrittweise die immer gegenwärtige, stille Qualität des Seins bewusst gemacht werden und die Führung übernehmen.

Sind bereits in der Eutonie-Übung energetische Potenziale neu entdeckt worden, die, obwohl immer vorhanden, aber ständig übersehen worden sind, wird das noch deutlicher und beeindruckender, wenn bewusst wird, dass unser wahres Sein, in dem sich unsere ewige Heimat befindet, schon immer genau HIER ist und immer schon die einzig konstante Grundlage für jede Erfahrung bildet. Die Ursache, warum dies den meisten Menschen nicht richtig bewusst ist, liegt in der Fixierung auf bestimmte Gedankenmuster, Reaktionen, Emotionen und Persönlichkeitsbilder. Obwohl jeder Gedanke und jedes Gefühl das stille Sein als Sprungbrett braucht und verwendet, ist dieser Ursprung selbst meist nicht bewusst.

Das Wort ‚Religion’ kommt von lateinisch ‚religare’, zurückverbinden.

Auch ‚Yoga’, mit unserem Wort ‚Union’ verwandt, deutet in diese Richtung:

die Verbindung mit dem Urgrund neu bewusst werden zu lassen, der zeitlos und formlos die einzige Konstante in unserem ‚Bewusst-Sein’ bildet.

 

Jede religiöse Tradition war zumindest anfangs ein praktischer Erfahrungsweg, um diesen Ursprung wieder in das bewusste Erleben zu integrieren.

So ist die eigentliche, innere Bedeutung des ersten Gebotes im Alten Testament, dass die ganzheitliche, umfassende und tragende Qualität des ewigen Seins bewusst der Ausgangspunkt des Lebens sein sollte. Nur wenn Sein bewusst gelebt wird und seine Priorität in uns entfalten darf, weil wir ‚keine anderen Götter haben’, wenn also Ideale, Wünsche und menschliche Projekte dem lebendigen Sein unterstellt werden, ist ein Leben spirituell gesund und menschlich erfüllt. Das gleiche gilt für das ‚vornehmste’ Gebot im Neuen Testament: Gott zu lieben, heißt, das Bewusst-Sein als organische, ganzheitliche Basis zu erkennen und zu leben. Jedes menschliche Anliegen bekommt erst durch bewusst gelebte Spiritualität einen natürlichen Platz und ihre Sinnhaftigkeit wird den alten Zwiespalt von Freude und Leid in ein neues Licht rücken.

 

Auch in der Psychologie ist in den letzten Jahrzehnten der ‚transpersonale’

Raum ein Begriff geworden. Therapeuten wie Abraham Maslow, Stan Grof

und andere haben durch ihre Arbeit das Menschenbild und damit die Therapiemöglichkeiten erheblich erweitert. Nachdem Jahrzehnte lang der Behaviorismus jede individuelle Inspektion abgelehnt hatte und damit eine individuelle Bewusstseinserfahrung wie Liebe zum Beispiel gar nicht erfassen konnte und sie deshalb einfach leugnete, war dies eine neue und wesentlich tiefere, spirituelle Dimension.

 

Ein Fallbeispiel.

H. arbeitet mit mir seit Jahren an seiner inneren Bewusstwerdung und hat dabei eine breites Erfahrungsspektrum seiner Persönlichkeit durch eine ganze Reihe von therapeutischen Werkzeugen kennengelernt. Da war die Arbeit mit dem inneren Kind, Elemente aus der systemischen Arbeit und Familienstellen, die Tiefenentspannung durch die Eutonie-Übung und natürlich begleitende Gespräche. Er hat das therapeutische Atmen erlebt, das die oben erwähnte Therapie mit den Körperenergien enorm intensivieren kann. Das führt in manchen Fällen zu Wurzeln, die in Erinnerungen an Verletzungen aus früheren Leben liegen können. Immer wieder wurde in seiner Erfahrung deutlich, dass der Schwerpunkt nicht darauf liegt, oberflächlich ein Problem zu beseitigen. Wie oben bereits angedeutet, sind viele problematische Themen nur die Spitze eines Eisberges. Der eigentliche therapeutische Heilvorgang ist deshalb die Standortverlagerung aus der Fixierung auf diese Spitze in Richtung zu unserem eigentlichen Wesen, das nie verletzt worden ist.

 

H.s Hauptthema hat sich sein ganzes Leben hindurch aufgebaut. Er kann enorme, gestaute Wut in sich erleben, wenn er einen Mitmenschen oder eine Situation in seiner Firma als ungerecht empfindet. Diese Wut ist weitaus größer, als die äußere Situation es plausibel erscheinen lässt.

Häufiger Auslöser ist seine Ehefrau, die er so beschreibt, dass sie sich seit dem ersten Kind nur noch wenig für Zärtlichkeit und Sexualität interessiert, weil sie ihre Erfüllung in ihrem beruflichen Erfolg zu finden glaubt.

In direkten Konflikten fühlt sich H. oft verbal bedrängt, gerade dann, wenn er müde aus seiner Firma nach Hause kommt und ruhebedürftig ist.

Also alles in allem eine relativ durchschnittliche Situation, nicht außergewöhnlich. Dennoch erlebt H. oft diese hilflose Wut, die natürlich auch im Beruf und anderen menschlichen Beziehungen aufflammt.

 

Um diese Standortverlagerung möglich zu machen, ist es oft auch nötig, dass das Thema selbst tiefer erlebt wird, bewusster werden kann. Neben dem Spüren der Spannungen im Körper im Rahmen der Eutonieübung ist die Arbeit mit dem inneren Kind ein geniales therapeutisches Werkzeug dazu. Worin liegt diese Genialität?

Durch ein Rollenspiel können sich zwei Elemente einer Persönlichkeit deutlich voneinander abheben, die in jedem Konflikt vermischt und dadurch funktional eingeengt werden.

Es handelt sich um den Verstand und das Gefühl, den steuernden Willen

und die Emotionen. In Konflikten ist der willkürliche Anteil meist überbetont und ‚der Kopf’ versucht Konzepte durchzusetzen. Das Gefühl

fühlt sich übergangen und wehrt sich, ist letztlich meist stärker, als alle guten Vorsätze.

Abwechselnd spielt der Betreffende den Großen und den Kleinen, also zwei Gesprächspartner.

Die Rolle des Kindes, die entwickelt wird, macht schnell frühkindliche Erinnerungen bewusst, einer Zeit, in der die meisten Verletzungen und Strukturen bereits entstanden sind. Allerdings kommen diese Erinnerungen erst heraus, wenn eine solide Vertrauensbasis entwickelt worden ist. Wie ein ängstliches, oft verbocktes Kind testet der kleine Mensch den Großen, sein Gegenüber, wie verlässlich er ihn oder sie erlebt.

Dieses Vertrauen zu entwickeln ist der eigentliche Lernvorgang des großen, heutigen Menschen. Dazu muss er die Angst, den Widerstand des Kleinen durch Wärme und Anteilnahme auflösen. Es ist immer wieder faszinierend und überraschend, wie echt bereits das erste Gespräch zwischen den Beiden ist. Manchmal stand da plötzlich so klar die gesamte Diagnose da, wie ich sie nach so kurzer Zeit gar nicht hätte stellen können. Deshalb muss dieses erste Gespräch gut vorbereitet werden, um eine Toleranzbasis im Patienten dafür zu schaffen. Sonst habe ich es schon erlebt, dass die direkte Kraft der Offenheit und Wahrheit vom Klienten nicht ertragen wurde, da die übliche Kontrollhaltung unterlaufen wurde.

In einem Fall sagte die Kleine im ersten Gespräch zur Großen: „Ach, du willst ja gar nicht wirklich gesund werden!“ Vor Schreck hielt sich die Klientin die Hand vor den Mund, die Wahrheit war ihr aber schon entschlüpft.

 

Zuerst kann es sein, dass der Kleine trotzig schweigt. Wenn er dann spricht,

bekommt der Große oft die ganze Skepsis, Enttäuschung, all das Aufgestaute des Kleinen ab:

„Du hast mich nie beachtet, du hast mich nicht lieb. Du lebst nur in deiner Welt und übergehst mich ständig. Ich bin deine Lebensfreude, dein Herz ...“

 

Nun beginnt der eigentliche Lernvorgang des Großen: er oder sie kann das Hinhören lernen, diese Kritik, gerade wenn sie bitter ist, annehmen lernen.

Bisher wurden diese Inhalte immer überspielt, verdrängt und mit Druck bearbeitet. Wie kam es dazu? Ganz wesentlich durch die Prägung durch die Eltern. Es schien in der Entwicklungszeit oft günstiger, sein Gewissen zu übergehen. Deshalb ist jede Kritik des kleinen Menschen an seinem Großen, der ihm gegenüber sitzt, eigentlich die Kritik an den Eltern. Und genau das ist der nächste Schritt, zum Beispiel die Frage: „Ich bin aus dir geworden, erzähle bitte, wie es zu diesen Verhaltensmustern kam!“ Dann wird der Kleine beginnen zu erzählen, wie die Eltern ihn an genau diesen Stellen verletzt haben.

 

In weiteren Schritten lernen beide, das Kind-Ich und der Erwachsene, immer mehr Wärme und Herzlichkeit miteinander zu entwickeln. Nur in einer solchen Atmosphäre wird der Kleine sich trauen, sich nach und nach ganz zu zeigen um schließlich mit der Rückendeckung des Großen starke

Ungerechtigkeiten den Eltern zurück zu geben. Das besitzt eine große Ventilfunktion bei angestauten Emotionen. Die eigentliche Heilkraft dieser

intensiven Therapieform liegt aber in der Entflechtung des Willens und des Gefühls, die saubere ‚Neuordnung’, die aus der herzlichen Vertrautheit

des Kleinen und des Großen stammt.

 

In einem Fall kam eine junge Frau in die Praxis. Im Gespräch stellte sich bald heraus, dass sie als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden

war. Das führte verständlicherweise zu einem enormen Hass auf alle Männer und gleichzeitig zu einem aufreizenden Äußeren, also dem vergeblichen Wunsch, die wahre Zuneigung dennoch zu finden. Diese Gespaltenheit konnte kein Partner ertragen, ihre Ehe hielt nicht und auch die anschließende Partnerschaft ging auseinander.

In einem intensiven Therapieprozess konnte sie diese gestaute Wut auf den Vater schließlich lösen. Dann geschahen zwei erstaunliche Dinge:

Erstens rief der Vater nach Jahren an und erkundigte sich nach ihr, so als ob er innerlich die Entspannung gespürt hätte. Das ist ein immer wieder kehrendes Phänomen: wenn etwas Grundlegendes in einem Klienten geschieht, reagiert der beteiligte Familienangehörige, ohne äußerlich davon gewusst zu haben.

Zweitens strahlte sie eine größere Wärme und Weiblichkeit aus und sie wurde von Männern ganz neu gesehen, anzügliche Bemerkungen, die früher häufig gewesen waren, blieben aus.