Herzensgebet - der Weg der Hingabe

Sri Ramana Maharshi sah grundsätzlich zwei Wege als authentisch an, den Weg der Selbstergründung und den Pfad der Hingabe, in Indien Bhakti genannt. Obwohl er grundsätzlich das Vertrauen eines Suchers in seinen bereits eingeschlagenen Weg hoch hielt, waren es doch diese beiden Formen, die besonders empfohlen wurden. Natürlich verblassen die anfänglichen Unterschiede mit zunehmendem Fortschritt, denn das Ziel, die vollkommene Auflösung aller vermeintlichen Trennung vom Ewigen durch den 'Tod' des relativen Ichs, ist immer dasselbe.

 

Ich nenne diesen Teil Herzensgebet, obwohl es viele indische Fachbegriffe gibt, weil ich auf den universellen Aspekt hinweisen möchte. Jede Tradition hat ihre eigene Form von diesem Weg ausgebildet, ob es sich um die hinduistische, buddhistische, islamische oder christliche handelt. In der Praxis bedeutet dies, den Namen Gottes oder auch der formlosen absoluten Wahrheit kontinuierlich zu wiederholen und damit zu verschmelzen, bis er ins Herz sinkt. In diesem Vorgang wird die Erfahrung des Namens zunehmend feiner, um sich schließlich im Göttlichen aufzulösen.

 

Sri Ramana sagt dazu: "Der Sinn von Japa (der Wiederholung des Namens) oder der Meditation liegt darin, sich auf einen Gedanken zu beschränken und alle anderen auszuschließen. Dann löst sich auch dieser eine Gedanke in seiner Quelle, dem absoluten Bewusstsein, dem Selbst, auf. Der Geist,der sich in Japa engagiert hat, sinkt so in seine eigene Quelle."     -Talks 328

                                               

 

Die Parallele zu der Selbsterforschung, in der sich der Ich- Gedanke im Herzen auflöst, ist offensichtlich. Deshalb schreibt Sivaprakasam Pillai, der Devotee, der die Schrift 'Wer bin Ich?' zuerst zusammenstellte, in 'Sri Ramana Padamalai', Vers 25:

 

Gesegnet seien die Füße des Vollkommenen, der verkündet hat: Durch Mantra Japa wird sich der Geist setzen. Japa ist ein Vichara Sadhana.

 

 

Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers

Athosmönch
Athosmönch

Der Begriff 'Herzensgebet' stammt aus der orthodoxen Kirche. Eines der bekanntesten Bücher ist 'Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers',(1) ein Bericht eines einfachen Mannes, der von einem Starez in die Übung des Herzensgebetes eingeführt wird. Er widmet sich dieser Praxis mit großer Hingabe und macht bald ermutigende Erfahrungen. Allmählich verinnerlicht sich die Wiederholung vom Aussprechen des Namens und wird schließlich selbsttätig, ein Stadium, das man in Indien Ajapa Japa nennt, so dass der Strom nicht einmal im Schlaf abreißt. Das ist ein Zustand von großer Kraft und Reinheit und seine Erlebnisse illustrieren dies deutlich.

 

Die Unterweisung des Starez lautete:

„Das unablässige innerliche Jesusgebet ist das ununterbrochene, unaufhörliche Anrufen des göttlichen Namens Jesu Christi mit den Lippen, mit dem Geist und mit dem Herzen, wobei man sich seine ständige Anwesenheit vorstellt und ihn um sein Erbarmen bittet bei jeglichem Tun, allerorts, zu jeder Zeit, sogar im Schlaf. Es findet seinen Ausdruck in folgenden Worten: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Wenn sich nun einer an diese Anrufung gewöhnt, so wird er einen großen Trost erfahren und das Bedürfnis haben, immer dieses Gebet zu verrichten, derart, dass er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann, und es wird sich ganz von selber aus ihm lösen. Verstehst du nun, was das unablässige Gebet ist?“

 

Die weiteren Anweisungen zeigen den Starez als erfahrenen, differenzierfähigen Meister. Als der Pilger nach einer anspruchsvolleren Anleitung, bei dem Beten das Herz und den Atem mit einzubeziehen, verschiedene Schwierigkeiten erfährt, greift der Starez auf eine einfache Basisübung zurück, die sich allmählich von allein in die subtileren Bereiche der Seele entwickeln kann:

 

Der Starez schlug die Unterweisung des heiligen Mönches Nikephorus auf und begann zu lesen: Wenn du nach einigem Bemühen nicht in das Herzensland Eingang findest, so wie man es dir erklärt hatte, so tue, was ich dir sagen will, und mit Gottes Hilfe wirst du das Gesuchte finden. Du weißt, dass die Fähigkeit, Worte auszusprechen, bei einem jeden Menschen in der Kehle sitzt. Bediene dich dieser Fähigkeit, vertreibe alle fremden Gedanken - du kannst es, wenn du nur willst - und lass dich selber unaufhörlich dieses sprechen:  'Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!' - und zwinge dich dazu, dieses immer auszusprechen. Wenn du eine Weile hierin beharrtest, so wird sich hierdurch ohne jeden Zweifel der Zugang zum Herzen erschließen. So hat es die Erfahrung gelehrt." 

 

Nachdem die ersten Tage mit dieser Übung etwas schwierig waren, setzte sich aber schon am dritten Tag die Kraft der Sammlung durch und die Übung wurde zu einer Freude und einem tiefen Bedürfnis.

Hatte der Starez anfangs die Zahl der Wiederholungen auf dreitausend täglich beschränkt, so steigerte er die Zahl bald auf sechstausend und zwölftausend. Der Pilger berichtet dazu:

 

Einst früh am Morgen war es so, als habe mich das Gebet geweckt. Ich begann meine üblichen Morgengebete zu verrichten, aber die Zunge sprach sie nur ungeschickt aus und mein ganzes Wünschen strebte ganz von selbst dahin, das Jesusgebet zu verrichten. Und als ich es zu sprechen begann, wie leicht wurde mir da, wie froh ums Herz und es war so, als sprächen Zunge und Lippen die Worte ganz von selbst, ohne Nötigung! Den ganzen Tag über war ich voller Freude und es war mir, als wäre mir alles andere in der Welt fremd; ich war gleichsam auf einer anderen Erde und mit Leichtigkeit gelang es mir, die zwölftausend Gebete bis zum frühen Abend zu verrichten.

 

Der Starez sagte bei der nächsten Begegnung dazu:

„Gott sei Dank, dass sich in dir diese Lust aufgetan hat und die Leichtigkeit des Gebets. Es ist dies eine natürliche Sache, die von der häufigen Übung herrührt, so wie eine Maschine, deren Hauptrad man in Schwung bringt oder antreibt, noch lange hierauf selbsttätig weiterläuft; um das Weiterlaufen aber noch zu verlängern, muss man das Rad schmieren und es immer antreiben. Siehst du nun, mit wie vortrefflichen Eigenschaften der menschenliebende Gott sogar die sinnliche Natur des Menschen begabt hat, welche Empfindungen sich einstellen können, selbst außerhalb der Gnade, in nicht gereinigter Sinnlichkeit und in der sündigen Seele, wie du das ja selber erfahren hast. Wie vortrefflich, wie beseligend und voller Süße ist es aber, wenn der Herr die Gnade schenkt, die Gabe des selbsttätigen inneren Gebetes zu entdecken und die Seele von Leidenschaften zu reinigen! Dieser Zustand ist unbeschreiblich und die Offenbarung dieses Gebets- geheimnisses ist ein Vorgeschmack der himmlischen Süßigkeit auf Erden...“

 

Auch da zeigt sich das Geschick des Meisters, der verhindert, dass sich der Schüler auf diese Anfangserfahrungen fixiert, indem er ihm andeutet, dass erst das reife Gebet die wahre Reinigung bewirken kann.

Der Pilger durfte das Gebet von da an ständig verrichten, es war ihm ganz natürlich geworden. Der Starez starb bald darauf und der Pilger zog weiter, getragen von dem starken, reinen Strom der Hingabe:

 

So ziehe ich nun meiner Wege und verrichte unablässig das Jesusgebet, das mir wertvoller und süßer ist, als alles andere in der Welt. Mitunter gehe ich meine siebzig Werst (etwa siebzig km) am Tage, manchmal auch mehr und fühle gar nicht, dass ich gehe; ich fühle aber nur, dass ich das Gebet verrichte. Fährt mir eisige Kälte durch die Glieder, so beginne ich das Gebet aufmerksamer herzusagen und bin bald vollkommen erwärmt. Martert mich der Hunger, so rufe ich den Namen Jesu Christi häufiger an und vergesse, dass ich essen wollte. Bin ich krank oder fühle ein Reißen im Rücken und in den Beinen, so beginne ich auf das Gebet hinzuhorchen und spüre den Schmerz nicht mehr. Wenn mich jemand beleidigt, so denke ich nur daran, wie süß das Jesusgebet ist; sogleich ist die Kränkung und aller Zorn geschwunden. Ich bin gleichsam närrisch geworden; um nichts sorge ich mich mehr; nichts gibt es, das mich fesselt; nichts Eitles schaue ich an; wenn ich nur immer allein bin in der Einsamkeit...

 

Im Verlauf der weiteren Pilgerschaft beginnt das mündliche Gebet schließlich, ins Herz zu sinken, worauf die mündliche Rezitation aufhörte und die Aufmerksamkeit auf das ‚sprechende Herz’ gerichtet war. Das Herzensgebet hatte sich etabliert.

 

 1. 'Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers', Herausgegeben und eingeleitet von Emmanuel Jungclaussen, Herder


 

 

Swami Ramdas

Einer der bekanntesten Heiligen Indiens im letzten Jahrhundert, der den Weg der Gottesliebe mit dem Namen Gottes ging, war Swami Ramdas. Er sagte einmal über den göttlichen Namen:

 

Kein Wort übt eine solch wunderbare Macht aus und wirkt auf so geheimnisvolle Weise für das vollkommen Gute, wie der Name Gottes. Der Name des Herrn ist Er selbst in der Form eines mystischen Lautes. Den Geist mit dem süßen Klang des Namens in Übereinstimmung zu bringen heißt, dein Leben mit dem Leben des Ewigen in Einklang zu bringen. Die Melodie des Namens bewirkt die Vereinigung der individuellen mit der universellen Seele. Wenn die Seele sich in den erhabenen Schauern verliert, die der Name hervorruft, kommt sie in einen Zustand unaussprechlicher Ekstase, in dem alle Wesen als Manifestationen der höchsten, essentiellen Wahrheit geschaut werden. So erweitert der Name den engen Horizont des Individuums in eine Schau unendlicher Pracht und Herrlichkeit. ...

Wenn der Name zur Hauptstütze und zur einzigen Zuflucht des Gottsuchers geworden ist, wird dieser sich nicht nur mit schnellen Schritten, sondern auch mit mutigem und frohem Herzen dem höchsten Ziel nähern. Wahrlich – gesegnet ist die Seele, in der ein unerschütterlicher Glaube in die Größe des göttlichen Namens lebt!

Es heißt zurecht, dass es leichter sei, die Herrschaft über ein Königreich zu gewinnen, ja sich die ganze Welt untertan zu machen, als Herr des eigenen Geistes zu werden. Wer sein Gemüt beherrscht, ist der wahre Held. Das kann nur mit Hilfe der unüberwindlichen göttlichen Kraft geschehen, die latent im Herzen ist und erweckt wird und an Stelle des schwachen individuellen Willens zu wirken beginnt. Hierbei erweist sich der Name als unschätzbare Hilfe. Das ständige Singen oder Sprechen des Namens lässt den rastlosen Geist ruhig und äußerst gesammelt werden. Dann wird es möglich, alle körperlichen und mentalen Kräfte aufzubieten, um den Schleier zu entfernen, der über der Wahrheit liegt, die identisch ist mit unendlicher Kraft und Freude, unendlichem Frieden und unendlichem Licht. Mit einem Wort: Der Name ist der Schlüssel, der die Tore des Herzens öffnet, die Zugänge zu unsterblicher Liebe, Weisheit und Kraft sind. Mit seiner Hilfe geht die Seele auf im ewigen und glückseligen Sein.“

                        - aus 'Gotteserfahrung', Kapitel X, z.T. neu übersetzt

 

"Sri Ram, Jai Ram, Jai Jai Ram Om

Sri Ram, Jai Ram, Jai Jai Ram Om"

 

Dein Rufen Meines Namens ist schon Meine Antwort.
Deine Sehnsucht nach Mir ist Meine Botschaft für dich…
All dein Streben, Mich zu erreichen, ist in Wirklichkeit
Mein Bestreben, zu dir zu gelangen …
Deine Furcht und deine Liebe sind Schlingen
um Mich zu fangen.
In der Stille, die jeden Ruf von 'Allah' umgibt,
warten tausend Antworten : 'Hier bin Ich!' 
- Rumi