An Gräfin Allagia Aldobrandeschi, Heiligabend 1513.

 

Ich bin Euer Freund und meine Liebe zu Euch reicht tief.

Es gibt nichts, was ich Euch geben könnte, was Euch nicht bereits gehört,

und doch gibt es viel, sehr viel, das Ihr empfangen könnt,

auch wenn ich es nicht geben kann.

 

Kein Himmel kann uns werden, ehe unsere Herzen im Heute ruhen.

Empfangt den Himmel!

 

Es liegt kein Frieden in der Zukunft, der nicht im gegenwärtigen Augenblick

verborgen wäre. Empfangt den Frieden!

 

Die Trübsal der Welt ist nichts als ein Schatten. Dahinter – und doch für uns erreichbar, liegt Freude. Da ist ein Strahlen und eine Herrlichkeit im Dunkel, könnten wir nur sehen! Und um zu sehen, müssen wir nur hineinblicken.

Ich bitte Euch inständig, schaut!

 

Das Leben ist ein solch großzügiger Spender. Wir aber urteilen nur nach der Hülle und verwerfen seine Gaben als hässlich, schwer oder hart. Entfernt die Hülle und Ihr werdet darunter einen lebendigen Glanz entdecken,

aus Liebe,

in Weisheit und mit Kraft gewoben.

 

Heißt sie willkommen und empfangt sie und berührt die Hand des Engels, der sie Euch reicht. In allem, was wir Versuchung oder Leid nennen

 - glaubt mir, darin ist die Hand des Engels und seine Gabe

und das Wunder einer behütenden Gegenwart.

Auch in unseren Freuden – gebt Euch mit ihnen nicht nur als bloße Freuden

zufrieden. Auch sie verbergen göttlichere Gaben.

 

Das Leben ist so voller Bedeutung und Sinn, so voller Schönheit – unter seiner Hülle – dass Ihr entdecken werdet, dass die Erde nur den Himmel verbirgt.

 

Nur Mut ist dann erforderlich, dies zu erfassen, das ist alles.

Und Mut habt Ihr doch und das Verständnis, dass wir allesamt Pilger durch ein unbekanntes Land auf dem Weg zur Heimat sind.

 

 

 

Und so grüße ich Euch für dieses Mal.

Nicht so, wie die Welt Grüße sendet,

sondern mit tiefster Achtung und dem Gebet,

dass Euch jetzt und immer der Tag anbricht und alle Schatten weichen!

 

 

Fra Giovanni Giocondo

 

war ein italienischer Dominkanermöch, Architekt und Altertumsforscher der von 1435 bis 1515 in der Frührenaissance lebte. Er baute zB unter Ludwig XII die Brücke Notre Dame in Paris.

 


 

Diesen Brief las ich gekürzt als Schüler, als ich gerade mit der regelmäßigen Meditationspraxis begonnen hatte. Die 'Musik', die darin erklingt, die Lebensfreude und der tiefe spirituelle Sinn und Gehalt empfinde ich als zeitlos inspirierend ...